LMBV: Bakterien sollen See-Säure fressen

Gewässer der künftigen Lausitzer Seenkette sind sauer und dadurch biologisch tot / Abhilfe bis 2012

"Die im Entstehen begriffenen Seen des Lausitzer Seenlandes sind biologisch tot. Der Blick ins glasklare Wasser lässt nur den Sandboden der Alttagebaue erkennen. Zwischen Wellen und Grund wächst nichts, schwimmt nichts. Der Grund: Das Wasser ist sauer, sprich säurehaltig. “Fische beispielsweise würden innerhalb kürzester Zeit mit dem Bauch nach oben schwimmen”, sagt Dr. Gert Gockel, Leiter Geotechnik der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Das saure Wasser löst Kalk auf - und zerstört das Skelett. Für Menschen ist ein kurzer Badespaß nicht so gefährlich. Allerdings muss mit Hautreizungen, geröteten Binde- oder entzündeten Schleimhäuten gerechnet werden. Das erste Zeichen für die Wirkung des sauren Wassers sind rauhe Zähne.

Kein Urlauber wird diese Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Würde der pH-Wert, der den Säuregehalt angibt und der im Idealfall bei neutralen 7 liegt, weiter um 3 bis 4 schwanken, könnte sich die Lausitz von der touristischen Nachnutzung ihrer Seen verabschieden. Um diese und andere Folgen des sauren Wasser zu verhindern, wird seit 1994 unter Förderung des Bundesforschungsministeriums daran getüftelt, wie der pH-Wert zu heben ist. Diese Arbeit sei ein weltweit einmaliger Prozess, an dem mittlerweile viele namhafte Forscher, Firmen und Universitäten mitarbeiten, sagt Gert Gockel. Woher das Übel kommt, ist längst klar. Die Säure wird mit dem Grundwasser in die Seen gespült. Sie entsteht im Lausitzer Boden, in Kippen, in Hochflächen und läuft in die Alttagebaue, die alle in Fließrichtung, im tiefen Lausitzer Urstromtal liegen. Der Senftenberger See beispielsweise wird ständig aus der Hosenaer Hochebene mit saurem Grundwasser gespeist. Die Folge: Der Südsee ist seit der Flutung sauer. Auch der Rest würde sofort “umkippen”, wenn er nicht ständig mit neutralem Oberflächenwasser versorgt, wenn das Wasser sozusagen nicht ständig gewaschen würde.

Frischwasser ist eine Möglichkeit, den pH-Wert auf ein neutrales Niveau zu heben und zu stabilisieren. Das verlangt sogar die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Da aber stark saures Wasser nicht wieder abgeleitet werden darf, muss zwischen Zu- und Abfluss etwas passieren. Zurzeit arbeiten die Forscher laut Gert Gockel an einer biologischen Variante: Bakterien sollen die Arbeit übernehmen. Die Wissenschaftler suchen Pflanzen, die im sauren Wasser überleben und Kohlenstoff produzieren. Den fressen bestimmte Bakterien mit Vorliebe. Um ihn aber “verdauen” zu können, brauchen die Kleinstlebewesen Sauerstoff. Den gewinnen sie aus der Säure - und lösen sie auf. Der pH-Wert des Sees steigt.
Das Prinzip funktioniert schon. Auch mit Tieren. Im “gespülten” Senftenberger See leben Fische. Von deren Abfällen, die Kohlenstoff enthalten, ernähren sich die kleinen Helfer. Das soll im Dreiweiberner See ähnlich werden.

Dem Menschen tun die Tierchen nichts, scheinen also bestens geeignet. Allerdings arbeiten die “Säurezerstörer” nur unter bestimmten Bedingungen effektiv. So muss zum Beispiel der Wassser-pH-Wert schon bei ungefähr 5 liegen.Neben dem Einleiten von Oberflächenwasser werden eine ganze Reihe technischer Verfahren erforscht, die den pH-Wert heben und es nebenbei den Bakterien so angenehm wie möglich machen sollen. Seit 1998 laufen bereits die entsprechenden biologischen und technischen Kleinversuche. Seit kurzem werden einige der erfolgversprechendsten in Großversuchen getestet, denn nicht jedes Verfahren eignet sich für jeden Alt-Tagebau. “Sie müssen spezifisch abgestimmt werden”, sagt Gert Gockel, der als Experte an einem Teil der Forschungen mitwirkt. Im Restloch Burghammer wurde beispielsweise durch das Aufwirbeln verkippter Asche (die Säure bindet) das Wasser neutralisiert. Der pH-Wert stieg von 3 auf 7. “Der Teilerfolg wurde aber wieder zunichte gemacht”, sagt der Fachmann. Das Speichersystem Lohsa drückt zu viel saures Wasser nach. Dem Geierswalder See soll demnächst geholfen werden: In den 80er Jahren wurde Kalk hineingeschüttet, um die Säure zu binden. Der hat sich aber wegen der zu hohen Säurekonzentration in eine eigene Gipshülle verkapselt und die Wirkung verloren. Nun soll er aufbereitet werden.
Frühestens 2012 wird die Seenkette über einen Kanal ihr Wasser wieder abgeben und damit ans öffentliche Flussnetz angeschlossen. Bis dahin muss das Wasser neutral sein. Ein Mix aus Flutung, technischen Prozessen - zu denen auch die Reinigungsanlagen wie die in Rainitza gehört - und biologischer Hilfe soll das möglich machen. Darüber hinaus hilft die Natur. Wenn der Endwasserstand der Seen erreicht ist, kann nicht mehr soviel saures Grundwasser nachfließen. Am Ende des jahrzehntelangen Reinigungsprozesses sollen Bakterien und Spülung für sauberes Wasser reichen. “Wir hoffen, die Seen dann nachhaltig ohne zusätzliche technische Prozesse stabil zu halten”, sagt Gert Gockel. Denn die Technik und ihre Arbeit kosten laufend Geld. Das Ziel aber seien “maximale Effekte und minimale Kosten”, sagt Gert Gockel. Und “ein natürliches Gleichgewicht.” "

Mit freundlciher Genehmigung vom Autor Thomas Mielke wiedergeben aus der Sächsischen Zeitung vom Mittwoch, 18. Juni 2003

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