Senior Expert Walter Karge meldet sich zu Wort - Langjährige Erfahrungen mit Erdbewegungen in der Lausitz

Dipl.-Ing. Walter Karge vom Traditionsverein Senftenberg e.V. * (August 2009)

"Die Berichterstattungen zur Rutschung Nachterstedt in den Medien werden nicht zur sachlichen Aufklärung genutzt. Das Vorkommnis dient, wie viele andere, zur oberflächlichen Meinungsbildung. Auch dieses Ereignis wird nach einer bestimmten Zeit der Aufmerksamkeit auf der Jagd nach wirkungsvolleren Schlagzeilen uninteressant werden. Fachleute müssen aber, wie immer bei derartigen Vorkommnissen, die Ursachen ermitteln um zukünftige Schäden auszuschließen. Durch diese Art der Berichterstattung werden Spekulationen und Verunsicherungen die Türen geöffnet. Ist das gewollt?

Aus diesem Grund wollen wir (als Senior Experts*) über einige Schwerpunkte und Besonderheiten informieren:
Mit der Böschungsbewegung Nachterstedt ist wiederum das Gefährdungspotenzial von gekippten Flächen und Böschungen in Verbindung mit dem Wiederanstieg des Grundwassers sehr deutlich geworden. In unzähligen  Aktivitäten ist durch den Bergbau ständig darauf hingewiesen worden. Es war nicht immer einfach insbesondere die grüne Seite von der Notwendigkeit der Sicherungsarbeiten zu überzeugen. Durch die LMBV werden die Gefährdungen aus der bergbaulichen Tätigkeit auf der Basis des Bundesberggesetzes beseitigt. Grundlage dafür sind Abschlussbetriebspläne und Sanierungspläne die nach den Beteiligungsverfahren für den Bergbaubetrieb Gesetz des Handelns sind. Darin werden u.a. die nachbergbaulichen Nutzungsarten festgeschrieben, die den Umfang der Sanierungsleistungen entscheidend mitbestimmen. Das bezieht sich nicht nur auf Tagebaue sondern auch auf Industriebrachen wie Brikettfabriken, Kokereien, Industriekraftwerke, Nebenanlagen usw. Damit sind die Abschlussbetriebspläne ein Instrument indem entsprechend der gesellschaftlichen Anforderungen der Bergbau verpflichtet ist die Sanierung vorzunehmen. Es obliegt nicht dem Bergbau allein die Nachnutzung festzulegen.

Mit dem Schlagwort Grundwasserwiederanstieg werden derzeit in den Medien Ereignisse und Erscheinungen, die mit dem Bergbau in Zusammenhang gebracht werden, unsachgemäß zusammengefasst und falsch interpretiert. Höhepunkt war die Sendung des MDR am 03.08.09. Ohne fachlichen Hintergrund werden Bewertungen zu möglichen Gefährdungen dargelegt, die aber gleichzeitig zur Darstellung eigener Interessen dienen, um die bisherigen bergbaulichen Sicherungsmaßnahmen in Frage zu stellen. Fachliche Erläuterungen wurden kaum zugelassen. U. a. referierte Prof. Dombrowski über die Einbeziehung von Katastrophen und geschichtlichen Entwicklungen ohne dass er sich mit der Gesamtheit der technologischen Entwicklung des Bergbaus ausreichend befasst hatte. Wie die Praxis beweist hat eines der ältesten Gewerke der menschlichen Entwicklung immer aus besonderen Vorkommnissen Schlussfolgerungen zu Erhöhung des Sicherheitsstandards abgeleitet.

Erdbewegungen an Böschungen und auf Kippen sind in den Bergbaurevieren keine Seltenheit. Viele derartige Vorkommnisse sind teilweise mit Verlusten an Menschen und hohen Sachwerten eingetreten. Die Rutschungen im Mai 1956 im Senftenberger Laugkfeld und in Nachterstedt vom Februar 1959 mit Toten, abgegangenen Häusern und dem Verlust eines Absetzers und waren u. a. mit entscheidend für den Erlass des Ministerrates der DDR zur Erhöhung der Bergbausicherheit. Auf der Grundlage intensiver wissenschaftlicher Forschung konnten die Ursachen von Rutschungen ermittelt werden. In der Folge sind die Grundlagen für die  Berechnung der Standsicherheit von Böschungen, Verfahren für ihre Sicherung und für die Erfolgskontrolle entwickelt worden. Damit konnte die bergmännische Tätigkeit immer sicherer gestaltet werden. In den Bergbaubetrieben sind geologische und hydrologische Fachabteilungen gebildet worden, die auf der Basis von Bewertungen der Lagerungsverhältnisse, der hydrologischen Situation, der ständigen Betriebskontrolle  und der Anwendung von Berechnungsmodellen die Parameter für zu baggernde und zu schüttende Böschungen festlegten. In monatlichen markscheiderischen Kontrollen sind diese Vorgaben in den Tagebausicherheitsaktiven auf ihre Einhaltung überprüft worden. An Hochschulen und Universitäten wurde das Fachgebiet Bodenmechanik von besonderer Bedeutung. Durch die Oberste Bergbehörde der DDR sind Sachverständige für Böschungen bestellt worden. Diese Spezialisten auf dem Gebiet der Bodenmechanik und Geologie ermitteln und prüfen die Parameter, die die Grundlage der bergbaulichen Technologien zur Herstellung von Böschungen sind. Es gibt im Braunkohlenbergbau keine Arbeitsböschungen und erst recht keine Endböschungen, die nicht nach diesen Grundsätzen und einer Nachweisführung zur Standsicherheit hergestellt wurden. Diese Arbeitsweise wurde und wird ständig im Rahmen von Betriebsplanverfahren auf ihre Einhaltung überwacht.

Das Thema bekam nach 1960 mit der Entwicklung des ehemaligen Tagebaus Niemtsch zum Naherholungsgebiet Senftenberger See eine besondere Bedeutung, insbesondere nachdem im Elsterfeld und in der Kohlebahnausfahrt Rutschungen abgingen. Mit den Sicherungsarbeiten zur Nachnutzung des Restloches Niemtsch ist durch die Professoren Schubert, Walde und Förster die Basis für die zukünftigen Anforderungen erarbeitet worden. Im Ergebnis der Ursachenermittlung mussten u.a. die ehrgeizigen Pläne zum Ausbau der westlichen Insel mit einem Campingplatz, einer Seilbahn von Koschen nach Niemtsch und verschiedenen Versorgungseinrichtungen aufgegeben werden.

Nach der Aufgabe von Tagebauen und der Einstellung der Wasserhebung nach 1990 wurde das bekannte Problem der Böschungssicherung sehr akut, denn es mussten hunderte Kilometer gekippte und gewachsene Böschungen der Lausitz mit gesichert werden. Um die Verfahren zur Sicherung der Böschungen für die großtechnische Anwendung und gegenüber dem Bund und den Ländern „ salonfähig oder genehmigungsfähig“ zu machen wurde nochmals ein breit angelegtes Forschungsprogramm unter Einbeziehung von Professor Gudehus aufgelegt. Zum anderen stand in Deutschland kein Trägergerät mit einem Ausleger zur Verfügung mit dem Kippenmächtigkeiten bis c.a. 80 m beherrscht werden können. Dazu ist durch die LBV sehr kurzfristig ein Gerät aus den USA gekauft worden. In den folgenden Jahren ist durch das Finanzministerium sehr oft versucht worden Verfahren zur Anwendung zu bringen die die Kosten minimieren sollten. Diese Versuche  konnten bisher nicht den Nachweis erbringen.

Im gekippten Uferbereich der zukünftigen Seen sind bis zu 150 m breite verdichtete Dämme hergestellt worden, die auf dem gewachsenen Liegenden aufsitzen und so den Böschungsbereich und das Hinterland der Kippe sichern. Die Dämme sind so angelegt worden, dass die Uferbereiche in jedem Falle trittsicher sind. Damit konnten bereits tausende Hektar nutzbar gemachter Flächen gegen Rutschungen gesichert werden. Allerdings sind Sackungen und Setzungen außerhalb der verdichteten Bereiche sehr wahrscheinlich. Im Verlauf der Sicherungsarbeiten kam es sehr häufig zu Böschungsabgängen die immer im Bereich des verdichteten Dammes zum Stillstand kamen. Damit wurde mehrfach der Nachweis erbracht, dass es an den gesicherten Böschungen zu keinen Rutschungen kommen wird. Im Wesentlichen ist mit der Rütteldruckverdichtung, der Sprengverdichtung und dynamischen Intensivverdichtung gearbeitet worden. In besonderen Fällen sind zur Schließung von Randschläuchen erhebliche Massenbewegungen über mehrere Jahre mit Tagebaugroßgeräten erfolgt, z. B. im Tagebau Meuro, Klettwitz und Schlabendorf Süd. Das teilweise von den Grünen geforderte Ruhen lassen der Kippen bringt keinen Verdichtungseffekt. Es sind Böschungen abgegangen die über Jahrzehnte ruhten. Unter diesen Bedingungen sind diese Flächen in keiner Weise nutzbar, da sie nicht betreten werden können. Mit dem Anstieg des Grundwassers werden durch abgehende Böschungen die Wasserflächen erheblich größer. Das Lausitzer Seenland wäre ohne Böschungssicherung bedeutend größer geworden. Die damit verbundenen Probleme sind bereits bei der Diskussion der Sanierungspläne ausreichend und teilweise kontrovers diskutiert worden.

In der Lausitz wurden bei einer Kippenmächtigkeit von bis zu 60 m nach Abschluss der Verdichtungsarbeiten Bodenabsenkungen von über 2 m erreicht. Diese Arbeiten sind noch nicht überall abgeschlossen, aus diesem Grund wird immer wieder auf die möglichen Gefährdungen hingewiesen.
Die entscheidenden Bedingungen unter denen Rutschungen ausgelöst werden können sind:
- eine weitestgehende Wassersättigung der Kippe.
- die sehr lockere Lagerung der Kippe, das sind insbesondere Trockenkippen.
- die gleichförmige Körnung der Kiese oder Sande mit einem sehr geringen oder keinen bindigen Bodenanteilen. Das trifft besonders auf die Lausitzer Sande um Senftenberg und Seese zu.
- die unzureichende Drainage des Kippenmaterials, sodass das Porenwasser während des Fließens nicht entweichen kann.

Begünstigende Bedingungen für eine Rutschung sind
- steile und hohe Böschungen,
- hohe Wasserstände in der Kippe mit einem starken Gefälle zum offenen Tagebau,
- der Böschungsfuss der Kippe befindet sich im Wasser,
- der Aufbau der Kippe und die Verkippungstechnologie.

Massenbewegungen werden von Initialen ausgelöst, die durch Fahrzeuge, Sprengungen, Flugzeuge, Tritte usw. hervorgerufen werden können.

Nicht alle Erdbewegungen sind Rutschungen, wir unterscheiden weiterhin in Grundbrüche, Sackungen und Setzungen, sowie Tagesbrüche.

So gibt es in jeder Kippe im Laufe mehrerer Jahre Setzungen und Sackungen durch das Eigengewicht der Kippe und durch den Eintrag von statischen und dynamischen Lasten. Mit dem Anstieg des Grundwassers wird das erheblich verstärkt. Diese Erscheinungen können in Abhängigkeit der Verkippungstechnologie und des verkippten Materials flächenhaft aber auch in Staffeln plötzlich und zeitverzögert eintreten. Die Gefährdung wird umso kritischer je näher das Wasser unter der Rasensohle ansteht. Hier ist letztlich die Trittsicherheit nicht mehr gegeben. Das betrifft z.B. die Insel im Senftenberger See, hier werden keine Rutschungen mehr gehen, Menschen können durch die obere trockene Erdschicht „durchbrechen“ und wie in einem Moor versinken. Aus diesem Grund wurde auch die geplante Insel im Ilse See nicht belassen. Trotz der Gefährdung und der Hinweise werden Inseln betreten. Eine Verdichtung ist nicht möglich, denn der größte Teil der Insel würde im Wasser verschwinden. Vor einigen Jahren sind zur Freigabe des Strandes an der Südsee Sprengungen durchgeführt worden, um eine Rutschung zu provozieren. Wir sollten die Insel mit den angrenzenden Uferbereichen als Naturschutzgebiet vorbehaltlos akzeptieren und jeglichen Zugang verhindern.

Die Senftenberger Ortsumgehung und die Bahntrasse hinter Brieske wurden fast ausschließlich auf den Kippen unterschiedlicher Tagebaue gebaut. Um die genannten Gefährdungen zu vermeiden sind sie Straße auf einen verdichteten Damm verlegt worden. Der Lausitzring befindet sich auf der verkippten Fläche des Baufeldes Hörlitz, der Windpark Klettwitz auf den Kippen des Baufeldes Klettwitz. In allen Fällen sind durch den Bergbau die entsprechenden Hinweise an die jeweiligen Bauherren gegeben worden. Die Bewertung des Baugrundes Kippe ist bei allen Baumaßnahmen unabdingbar und erfordert entsprechend der gewollten Nachnutzung einen erheblichen zusätzlichen Kostenaufwand. Bei den Gartenanlagen im ehemaligen Laugkfeld und der Grube Stadtfeld sind nach den Erkenntnissen die Überdeckungen für die gegenwärtige Nutzung ausreichend.

Die untertägigen Hohlräume des Bergbaus, dabei handelt es sich um Grenzstrecken der Entwässerung die außerhalb des Abbaubereiches lagen, z.B. bei Sedlitz, Buchwalde (Bereich des geplanten Hafens), Koschen und im Raum Kostebrau/Lauchhammer, sind nachweislich verwahrt worden, so dass Tagesbrüche ausgeschlossen werden können. Aus dem Oberflöz stammende weniger bekannte Hohlräume existieren im Bereich der Kosterbrauer Hochebene und um Bad Muskau, hier besteht noch ein bestimmtes überschaubares Gefährdungspotenzial. Um Senftenberg sind die alten Baufelder durch den Tagebau Meuro überbaggert worden.

Die aufgeführten Probleme der vernässten Keller in einigen bergbaunahen Kommunen ist nicht zu unterschätzen hat aber mit dem Standsicherheitsproblemen von Kippen überhaupt nichts zu tun. Hier ist oftmals die Ursache, dass beim Neubau die vorbergbaulichen Verhältnisse nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Beispiele dafür sind der Bau der Neustadt Hoyerswerda, die Umwidmung der Kippe Laugkfeld zu einem Gewerbegebiet, die Überbauung vorbergbaulicher Ableitungssysteme im Stadtgebiet Senftenberg und das überbaggern der außerhalb der Stadt vorhandenen Grabensysteme. Diese Bausünden sind durch teilweise kostenaufwendige Maßnahmen zu beherrschen, wobei sie allerdings zeitnah erfolgen sollten. Die dazu erforderlichen Maßnahmen sind seit 1994 bekannt.

Wenn derzeit über derartige Vorkommnisse gesprochen gerät immer der Braunkohlenbergbau in die Ziellinie, das mögliche Gefährdungspotenzial ist hier sehr umfangreich und in guter Qualität erfasst. Bergbau wird aber auch zur Gewinnung von Tonen, Sanden, Kiesen usw. betrieben. Die vielen kleinen aufgelassenen Förderstätten bieten ein ähnliches Szenario wenn die genannten rutschungsbegünstigenden Bedingungen vorliegen. Das Vorkommnis am 4.10.1999 am Petermannsteich bei Hosena dokumentiert das nachhaltig, als durch einen Radlader ausgelöst eine seit Jahren aufgeforstete Fläche sich verflüssigte. Dabei verschwanden einige PKW und wir waren alle froh, als die drei vermissten Kinder wohlbehalten wieder auftauchten.

Aus der Ursachenermittlung der bisher sicher geglaubten Böschung Nachterstedt werden auf jeden Fall Schlussfolgerungen auf die Richtigkeit der bisherigen Grundlagen zur Bewertung der Standsicherheit von Böschungen erfolgen. Aus den langjährigen Erfahrungen kann geschlussfolgert werden, dass die Nichtbeachtung der technologischen Vorgaben und Parameter, die nicht ausreichende Erkundung und Festlegung der Randbedingungen oder die unsachgemäße Nachnutzung die Ursache derartiger Vorkommnisse waren. Wir sollten die Ergebnisse der Fachleute abwarten und nicht im Vorfeld bereits Tatsachen schaffen, die am Ziel vorbeigehen."

Dies ist eine persönliche Meinungsäußerung.

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