Auf Teerdeponie Zerre wächst Gras

Geruchsbelästigung für Anwohner erheblich verringert / Zeitverzug bei Entsorgung soll aufgeholt werden

von Simone Wendler / Copyright Lausitzer Rundschau

Trotz Verzögerungen sollen die Teerdeponien Zerre und Terpe bei Schwarze Pumpe bis Ende 2005 beräumt sein. Um bis dahin die Geruchsbelästigung der Anwohner zu verringern, hat sich die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) etwas einfallen lassen: Sie lässt auf dem Teer Gras wachsen.

Auf dem ersten Blick sieht die Fläche aus wie ein ungepflegtes Fußballfeld. Gras, das sich in dem schon herbstlichen Wetter gelb verfärbt hat, wiegt sich im Wind. Doch große Schilder am Rand warnen eindringlich davor, die Grasfläche zu betreten. Es wäre lebensgefährlich, denn unter dem Gras liegen tausende Tonnen Teer, in denen ein Fußgänger versinken würde.

Vor einem Jahr dehnte sich an derselben Stelle noch eine Wasserfläche aus. Darauf schwamm ein Spezialbagger, der den Teer Schaufel für Schaufel zur Verwertung aus der Altlastdeponie hob. Das Wasser auf dem Teer, der aus dem früheren Gaskombinat Schwarze Pumpe stammt, war notwendig, um den Bagger zu tragen und den Gestank der Ablagerung zu mindern. Doch bei warmem Sommerwetter nahm das verdunstende Wasser üble Gerüche mit und trug sie in Richtung Spreewitz und Zerre. Bis zu den ersten Wohnhäusern sind es nur 400 Meter.

Grassamen aus der Sprühpistole

„Vor zwei Jahren haben wir angefangen, uns den Kopf zu zerbrechen, wie wir die Geruchsbelästigung verringern können“, sagt Michael Illing, Bereichsleiter Ost-Sachsen der LMBV. Diskutiert wurden ein Folienüberzug, der Einsatz von Gel und Öl, sowie der Bau einer Überdachung des gesamten fünf Hektar großen Reservoirs. Alles wurde verworfen, weil es witterungsabhängig, zu aufwändig oder zu teuer war.

Die rettende Idee, so Illing, kam aus der Erinnerung an ein Staubproblem bei einem stillgelegten Tagebau. Weil sich dort immer wieder Windhosen bildeten, hatte man Grassamen, vermischt mit einem Bindemittel, aus einem Hubschrauber aufgesprüht. Das Gras wuchs an, die staubbeladenen Windhosen verschwanden.

Bei der Deponie Zerre musste jedoch erst das Wasser über dem Teer abgepumpt und eine Tragschicht für die Begrünung entwickelt werden. Dazu wurde Kohletrübe benutzt, eine Art getrockneter Rohbraunkohlestaub. „Das ist wie ein Schwamm und speichert gut Feuchtigkeit, darauf wächst alles“, sagt Jan Masnica, Projektmanager der LMBV. 30 Zentimeter Kohletrübe wurden auf den Teer geschichtet, darüber dann die Mischung aus Grassamen und Bindemittel gesprüht.

Nur mit einer kleinen Raupe, die auf mehr als einen Meter breiten Spezialketten fuhr, konnte auf dem zähen Teer gearbeitet werden. Auf dem größeren der beiden unmittelbar nebeneinander liegenden Teerbecken in Zerre wuchs in diesem Sommer schon Gras. Auf dem zweiten wurde jetzt Grassamen ausgebracht. Statt des früher verwendeten Schwimmbaggers kann jetzt mit einfachen Landgeräten wie in einer Kiesgrube gearbeitet werden. Scheibenweise wird der Teer damit wieder freigelegt und zur Verarbeitung abtransportiert.

1999 war dazu zwischen der LMBV und einer Arge „Verwertung Teerdeponie Lausitz“ ein Vertrag abgeschlossen worden. An der Arge war neben dem Entsorgungsunternehmen Lobbe auch das Sekundärrohstoff-Verwertungszentrum (SVZ) in Schwarze Pumpe beteiligt. Im SVZ wurde ein erheblicher Teil des Teers verarbeitet. Dort steht auch eine Pelletierungsanlage, die Teer für die Verwertung aufarbeitet. Im April stieg das SVZ jedoch aus der Arge aus, kurz darauf ging die Firma in Insolvenz.

In Terpe, wo nach anfänglicher Planung schon im vorigen Sommer der letzte Teer abtransportiert werden sollte, liegen heute noch immer rund 25 000 Tonnen dieser gefährlichen Rückstände. In Zerre, wo Ende 2005 mit dem Beräumen Schluss sein soll, liegen noch etwa 120 000 Tonnen Teer unter der neuen Grasschicht, die Hälfte der ursprünglich vorhandenen Menge.

Schwierigkeiten gab es jedoch nicht erst durch die SVZ-Insolvenz, so Michael Illing, Länderchef Ostsachsen der LMBV. Schon vorher hatten technische Probleme bei der Verwertung im SVZ zu Verzögerungen geführt. 60 000 Tonnen, so das Ergebnis eines im Frühjahr angefertigten Gutachtens, könnten nicht mehr wie geplant untergebracht werden. Diesen Rückstand, fast die durchschnittliche Entsorgungsmenge eines Jahres, schiebt die LMBV noch immer vor sich her.

Seit dem Frühjahr wird bereits nach neuen Entsorgungsmöglichkeiten gesucht. 2000 Tonnen nimmt das SVZ zurzeit noch monatlich ab, doch wie es nach einem Verkauf der Firma an einen neuen Eigentümer weitergeht, ist bisher völlig offen. Die Abfallmenge, die aus der Deponie Zerre nach Rositz bei Altenburg zur thermischen Entsorgung geliefert wird, wurde bereits erhöht. Ein weiterer Teil der Rückstände, der jedoch nur einen relativ geringen Schadstoffgehalt haben darf, wird im Kraftwerk Schwarze Pumpe verbrannt. Um mehr als 10 000 Tonnen schrumpfen die Teerrückstände dadurch monatlich.

Neues Entsorgungskonzept

„Zurzeit wird geprüft, ob wir Sonderabfallverbrennungsanlagen in die Entsorgung der Teerrückstände einbeziehen können“, sagt Michael Illing. Im November soll die Arge ein neues Konzept vorlegen, in dem auch steht, welche Rolle das SVZ noch spielen kann und wer gegebenenfalls dessen Leistungen übernimmt.

Der ursprünglich geplante Termin, Ende 2005 den Teer in Terpe und Zerre komplett beseitigt zu haben, will die LMBV „aus vielen Gründen“ halten. Einer davon sei die Befürchtung, dass die Tragschicht, die die Deponie nach unten abdichtet, langsam brüchig werden könnte, so Michael Illing. Deshalb werde täglich um jede Tonne Teer gekämpft, um den Rückstand aufzuholen. „Jedes Tagesproblem wird hier zur Chefsache, damit wir 2005 fertig werden“, versichert der LMBV-Länderchef Ost-Sachsen.

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